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Geschichte

Gerolsbach hat die meisten Weiler und Einöden, von denen viele nach ihren Begründern oder Frühbewohnern benannt sind.

Der Sitz der Gemeinde trägt den Namen des Priesters Kerolt, der von 783 bis 811 der Urpfarrei vorstand. In der Karolingerzeit ist Keroltispach oder Keroltesdorf, wie es einmal in einer Tauschurkunde des 10. Jahrhunderts heißt, ein ausgebauter Edelsitz mit Herrenhaus und Dorfkirche. Auch Gerenzhausen tritt schon 772/94 in den Freisinger Urkunden auf: Ein Kermunt und Frau Adalsuind schenken in dieser Zeit dem Mariendom ihren stattlichen Erbbesitz in „Kermuntishusir“. Ebenso blicken das benachbarte Furihulci (Fürholzen) und Pipurc (Biberg) auf eine 1200jährige Vergangenheit zurück. Auch die meisten anderen der großen Einzelhöfe sind schon früh beurkundet: „zu den Aichen“, Aichau = Schleichern etwa ab 900, „Kuonhueb“ = Kleinhub ab 1100, ebenfalls ab 1100 „ze Hoba“ = Hof, „Diethoheshusen“ = Lichthausen, Paldwinsperg = Palmberg. Im 13. Jahrhundert ist erstmals „Protisayn-Winten“ erwähnt, heute Breitsamet. Die schönen, klangreichen althochdeutschen Namen sind im Laufe der Zeit stark abgeschliffen worden. Das heutige Singern hieß bis 1570 “ Weblingen“. „Ad Geroltaspahi“ besitzt Kloster Münchsmünster im 10. Jahrhundert zinspflichtige „Eigenleut“, und noch vor dem Jahre 1000 tauscht Graf Otto von Hohenwart mit dem Freisinger Domkapitel seine Besitzungen in Tirol gegen den Gerolsbacher Amthof. Von da ab wimmelt es in den Freisinger Traditionen von Tausch- und Kaufgeschäften im „Gerolsbacher Aigen“, wie das Land der ursprünglichen Freibauern zwischen Scheyern und der „kleinen Ilm“ im Mittelalter genannt wird. Eine große Zahl von Vögten, Edelleuten, Zinspflichtigen mit ihren Leibeigenen stehen im Dienst des Freisinger Mariendoms. Ihre Reichnisse, Stiftungen, Seelgerät- und Jahrtagsdotationen dauern bis ins 14. Jahrhundert herein. Es treten auf: die Schutzvögte, mächtige Adelige, die vor allem den Schutz des Landes in Kriegszeiten garantieren sollten, im 11. Jahrhundert z. B. Vogt Helmprecht; dann die Gerolsbacher Pröbste als Verwalter der damaligen weltlichen und pfarrlichen Großgemeinde, namentlich genannt die Kirchherren von St. Andreas, und selbstverständlich auf den großen Domhöfen die vielen, vielen Rittersleut. Auf dem Schloßberg, in Hof, Siebeneich, Felbern, Finkenzell, Stockhausen, Aich …überall und allenthalben rührt sich höfisches Leben: 1104-1140 „regieren“ Probst Rudolf und Ritter Chuno als Praepositus St. Andrä; letzterer saß auf dem Lehen „Chuonhueb“; 1245 Probst Friederich; 1300- 1315 Probst und Ritter Kunrad von Röhrmoos; 1330-1351 Ritter Gebhord von Cammer mit seinen Söhnen Heinrich, Diepolt und Hiltprant; 1351-1403 Johannes der Wolf, Werenhard und Erasmus, die Wulfen, Ritter und Pröbste auf Gerolspach. 1403 – 1498 folgen Ritter Ulrich der Holzhauser, Hans und Erasm die Wildenwarter von Euernbach, Udalrich der Eisenreich, Peter, Thoman, Arsaz die Abensdorfer, von 1458-1498 Erbkammermeister Eukor von Oetting und zuletzt, 1498-1505, Hofstallmeister Udalrich Planck. Alle diese Gerolsbacher Pröbste, die, einzeln und oftmals beurkundet, vier Jahrhunderte lang vom Probsteihof aus (Breitner-Wirt) das ganze Aigen verwaltet haben, erhielten für ihr verantwortungsvolles Amt auch stattliche Einkünfte und Güter: den großen Sedelhof in Gerolsbach mit vier Hofstätten, den „Schreier“ oder Amtmannhof zu Kreuth, Drittelzehent von Labersberg, den ganzen Zehent aus den einstigen drei Höfen zu Stockhausen (Rudelmair, Kothof und Niederhof), aus dem Sappenberger Hof, aus Schardling und besondere Abgaben aus den großen Höfen in Ober- und Unterwengen, Sachenbach, Thalern, Finkenzell und Breitsamet.

Im 14. Jahrhundert wird auch das Gerolsbacher Dorfgericht in vielen „Articuln“ ausführlich festgelegt. Es findet dreimal im Jahr im Probsteihof statt. Ein jeder von der Gmain muß dazu erscheinen. Von Schrobenhausen kommt der Richter mit dem Gerichtsschreiber und dem Land-Puech. Sie müssen von der Gmain verköstigt und ihren Pferden so viel Futter „für den Barrn geschüttet werden, daß es ihnen bis in die Augen reich“. Der Probst sitzt dem Richter zur Seite. Er teilt mit ihm die Gelder, die als Straf und Sühn bei den Gerichtstagen anfallen. Der Probst kassiert für Freising, der Richter für den Herzog. Schwere Vergehen: Totschlag, Diebstahl, Notzucht… fallen in die sogenannte hohe Gerichtsbarkeit, die allein dem Herzog zusteht. Ortsgefängnis für die kleinen Sünder war im Hof des „Schreiers“, das ist des Amtmannshof, in Gerolsbach. Der Probst hat auf den vier Tumhöfen (Domhöfen): Schmiedhofer, Gerenzhauser, Hof und Oberwenger das sogenannte „Besthaupt“ oder „Val“-Recht, das ist Todesfallabgabe: für den Mann das beste Roß, für die Frau die beste Kuh aus dem Stall.

Ehaft-Schmied und Ehaft-Bader zu Gerolsbach werden im 15. Jahrhundert mit Rechten und Pflichten genau „gebunden“. Der Großbauer, der alljährlich in die Padstub ein ganzes Fuder Brennholz zu liefern hat, einen Metzen Korn, eine Schergarb und zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten jedesmal sechs Pfennig, der bekommt fürs samstägige Bad mehr warmes Wasser und mehr Seifenlaug als zum Beispiel ein Knecht oder eine Dirn, die nur insgesamt im Jahr neun Pfennig zahlen. Für die „Schergarb“ schert der Bader dem Bauern und seinem Sohn, „wanns nötig ist“, das Haar und „zwackt und reibt sie“. Wann aber die Pest regiert, „muß er zu allen Leuten gahn“ und sie kurieren.

Anno 1506 gibt das Domkapitel Freising plötzlich alle seine Gerolsbacher Besitz- und Herrenrechte, „alle Paursleut, Untersassen und Zinsleut“ an das herzogliche Landgericht Schrobenhausen ab und nimmt dabei nur den Sedelhof, die Sedelhueb, und die Tafern aus. In Gerolsbach bleibt lediglich ein Freisinger Probst mit wesentlich verringerten Befugnissen für den Waldbesitz zurück. Der Dreißigjährige Krieg bringt der Gemeinde mit Feindeinfällen 1632, 1633 und 1646 die gleichen Schrecknisse wie dem übrigen Landkreis, Pest, Seuchen und Hungersnot dezimieren auch die Bevölkerung im Holzland. Dazu treten nun für Gerolsbach die Folgen der Übereignung ans Landgericht auf. Der Aichacher Kastner Baron Jakob von Burgau als Steuereintreiber muß die leeren Kassen des Landesherrn füllen. Er dachte sich dafür ein raffiniertes Leibeigen-Gesetz aus, das praktisch jedermann zum Leibeigenen machte, dem Kastner pflichtig mit zahllosen und hohen Gebühren die unnachsichtlich eingetrieben wurden: zunächst das jährliche „Leibgeld“, dann „in Sunderheit“ bei Einheirat in die Gmain, bei Wegzug aus ihr, bei Besitzveränderungen, bei Todesfällen, bei Erbantritt. .Die stolzen Gerolsbacher Bauern, deren Land man .“Im Aigen“ hieß, rebellierten. Aber sofort wurde an einem von ihnen „ein Exempel statuieret“: der Finkenzeller Lukas Sälpl hatte das sogenannte“ Totfall“ verweigert, wurde deshalb zunächst im Amtshof zu Gerolsbach eingesperrt, darauf gefesselt aufs Landgericht geführt und in München in den Kerker geworfen; erst nach über einem Jahr, am 2. September 1676, wurde er dort „aus Eisen und Haft entlassen“. 1678 mußten die Gerolsbacher zweimal jeder einzeln vor Gericht erscheinen und dort genaue Angaben über Güter und Gründe machen, über Kinder: und Ehalten sogar, über alle Leibgeldfälle der letzten Jahre, Totfälle usw. usw. Gegen solche Willkür protestieren sogar das Domkapitel Freising und Kloster Scheyern. Ein Prozeß, hoffnungsvoll begonnen, zieht sich endlos hin, der Erbfolgekrieg bringt 1704 neue unerhörte Drangsal.

1714-1716 setzen die brutalen Exekutionen aufs neue ein. Nun aber wendet sich das Domkapitel Freising energisch und direkt an den Kurfürsten: „…die armen Untertanen flüchten in die Wälder vor den Schergen, die sie wegen des Leibgelds früh und spat suchen und verfolgen. Die Weiber aber werden von ihren Höfen gebunden ärgerlich zu Gericht geführt. ..Dies alles ist zu hart und zu widerrechtliches Verfahren …beschweren wir uns höchlich über das bockbeinige, übel gesinnte Benehmen des Kastners …Sollen denn die Grunduntertanen nach den vorübergegangenen Kriegsläuften ganz ausgesaugt und ruiniert werden, daß sie den Bettelstab an die Hand nehmen müssen? Sind nicht den kurfürstlichen Kassen allein schon durch die aufgezwungene Scharwerk viel Tausende von Gulden aus dem Aigen zugeflossen? Niemals waren die Hintersassen und Gepauren zu Gerolsbach leibeigen gewesen….Kein Wunder, wenn viele aus grimmiger Verbitterung auch ihre Grunddienste verweigern, wenn die ganze Gmein durch solch unerschwingliche Lasten an den Bettelstab, in den gänzlichen Untergang getrieben wird! …So bittet das Domkapitel den Kurfürsten nochmals, nit nur die Pauren von solch schändlichen Schikanen zu befreien und die noch in Eisen liegenden armen Tropfen des Arrestes zu entlassen, sondern auch die alte vorhero, vor anno 1506 ingehabte Jurisdiktion auf Gerolsbach nach zweihundert Jahren wieder an Freising zurückzugeben.“ Am 1. Dezember 1717 kommt endlich der kurfürstliche Befehl an die Ämter zu Aichach und Schrobenhausen auf sofortige Einstellung aller Exekutionen, Freilassung der Gefangenen und Vermeidung aller Pressionen gegenüber Gerolsbach. Sechs Jahre darauf, mit Wirkung vom 11. November 1723, gibt der Münchener Hof Gerolsbach und seine Bauern nicht nur der alten Freisinger Grundherrschaft zurück, sondern erhebt es auch zur geschlossenen Hofmark. Im Schenkungsbrief ist eigens und ausdrücklich vermerkt: „Fürderhin soll auch von den Untertanen kein Leibgeld mehr nach Aicha erhebt werden – das soll gänzlich abgetan und aufgehebt sein!“ Damals, 1724-1726, gab es in der Gemeinde 112 Untertanen-Familien, und zwar 23 ganze, 20 halbe und 24 Viertelbauern, 9 Achtler und 36 Sechzehntelhäusel.

Nach diesen bewegten Zeiten ging Pfarrer Andreas Trautwein (1715-1749) daran, die teils noch romanische, größtenteils aber frühbarocke Pfarrkirche abzureißen und eine neue zu bauen; sie war zu klein geworden und hatte außerdem in den Kriegswirren 1704-1706 erheblich gelitten. Voll dankbarer Freude über die glücklich erlangte Freiheit von Leibeigenschaft und Aichacher Kastnerdruck half die Gemeinde mit allen Kräften und Mitteln beim Kirchenneubau; vom Schloßberg führte man alle Quadern und Bruchsteine von der ehemaligen Burg herunter und baute sie in die Fundamente ein.

Der österreichische Erbfolgekrieg erzwang mehrere Unterbrechungen, und als die Kirche endlich bis auf den Choraltar fertig war, starb Pfarrer Trautwein. Eine Visitation von 1817 befand das St.-Andreas-Gotteshaus als „groß, ansehnlich und schön gebaut, aber etwas derb und feuchtlich „. 1846, am 2. August, brannte es samt Turm ab und wurde 1848 abermals neu errichtet. Die Gerolsbacher waren immer fromme Wallfahrer: Alljährlich am Pfingstmontag pilgerten sie nach Inchenhofen zu St. Leonhard und tags darauf schon frühmorgens um 4 Uhr nach Maria Beinberg. Die meisten Prozessionen führten zu den „Heiltümern“ nach Maria Zell (Singenbach).

Eine halbe Wegstunde vom Pfarrsitz steht im Weiler Eisenhut das Magdalenen-Kirchlein. Weil es am westlichen Dachreiter einen Eisenhut als Wahrzeichen seines Erbauers, eines Ritters „Eisenknäppel“, trug, hieß es früher „zum eisernen Hut“ : erbaut um 1400, dotiert mit dem Herrenhof zu Hörzell, einem Gütlein zu Tandern und einem Landgut zu Weilenbach. Im 17. Jahrhundert haben Klausner neben dem Kirchl gehaust. 1803 bis 1810 sollte es abgerissen werden; da nahmen es die Gerenzhausener selbst in ihre Obhut. Leider ist das gotische Kirchlein infolge seines Reichtums an spätgotischen Skulpturen vor einigen Jahrzehnten schändlich ausgeräubert worden. Auch sein wertvollster Besitz; das Holzrelief „Tod Mariens“ (1490-1500), ging dabei verloren. Die Friedhofskapelle am westlichen Gerolsbacher Dorfeingang wurde vor rund 250 Jahren als Klausner- und Büßerkirchlein von dem frommen Bauernsohn Paul Singer erbaut. Eine Zeitlang war sie Wallfahrerziel. Heute ist sie Mittelpunkt des schönen neuen Dorffriedhofs.

 

Diese kurze Rückschau auf die Geschichte der Gemeinde Gerolsbach mußte sich auf Weniges beschränken. Sie mußte vor allem verzichten auf die geschichtliche Darstellung der fast 30 Einzelhöfe, von denen heute noch jeder „ein Königreich für sich“ ist und den alten stolzen Namen I’m Aigen“ rechtfertigt

Quelle:

„Landkreis Schrobenhausen – Vergangenheit und Gegenwart“, erschienen 1963 im Verlag für Behörden und Wirtschaft R.A. Hoeppner, Pörsdorf b. Aßling/Obb.

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